Wie zeichnet man eine Spiegelung?

Meine Antwort ist: überhaupt nicht.

Das klingt zunächst vielleicht enttäuschend, besonders für Anfängerinnen und Anfänger. Denn beim Zeichnen sucht man am Anfang nach Regeln. Wie zeichnet man ein Auge? Wie zeichnet man einen Baum? Wie zeichnet man Wasser? Und dann eben: Wie zeichnet man eine Spiegelung?
Man möchte wissen, welche Linie man ziehen muss, welche Farbe die richtige ist und wo der Schatten hingehört.

Aber eine Spiegelung ist eigentlich nichts, das man zeichnen kann.
Man kann zeichnen, was sich spiegelt. Man kann ein Haus zeichnen und darunter sein Bild im Wasser. Man kann ein Gesicht vor einem Spiegel zeichnen. Man kann Licht, Schatten, Farben und Formen beobachten und versuchen, sie aufs Papier zu bringen.

Aber die Spiegelung selbst ist kein Gegenstand.
Sie entsteht durch etwas anderes.

Und vielleicht ist genau das eine wichtige Sache, die man beim Zeichnen lernen kann: Nicht immer fragen: Wie zeichne ich dieses Ding? Manchmal muss man zuerst genauer hinschauen und fragen: Was sehe ich eigentlich?
Eine Spiegelung ist zum Beispiel selten einfach ein zweites, identisches Bild. Im Wasser wird sie durch Wellen unterbrochen. Im Spiegel verändert sie sich je nach Blickwinkel. Auf einer glänzenden Oberfläche ist sie manchmal fast unsichtbar. Sie besteht aus Licht, Farben und Formen, die wir als Spiegelung erkennen.

Wer versucht, eine Spiegelung auswendig zu zeichnen, wird deshalb vielleicht scheitern. Wer hinschaut, hat es leichter.
Das gilt nicht nur für Spiegelungen.
Beim Zeichnen geht es oft weniger darum, zu wissen, wie man etwas zeichnet, als darum, zu sehen, wie etwas aussieht. Ein Auge ist nicht einfach ein Auge. Ein Baum ist nicht einfach ein Baum. Und eine Hand besteht nicht aus dem Bild einer Hand, das wir im Kopf haben.
Am Anfang zeichnet man häufig, was man über ein Ding zu wissen glaubt.
Später beginnt man, das zu zeichnen, was tatsächlich vor einem ist.
Vielleicht ist das der eigentliche Anfang des Zeichnens.
Also: Wie zeichnet man eine Spiegelung?
Gar nicht.
Man zeichnet, was man sieht.